Erfrischend ehrlich – Konzertlesung mit Samuel Koch

(Buch- und Lesungsbesprechung)

Gemessen an der Unendlichkeit […] sind die vielleicht 50 Jahre, die ich hier auf der Erde noch vor mir habe, nur ein Wimpernschlag. Natürlich hoffe ich, dass ich sie nicht im jetzigen Zustand „absitzen“ muss. Das wäre so brutal anders als alles, was ich mir unter meinem Leben vorgestellt hatte.

Aus meiner heutigen Sicht gibt es zwei Möglichkeiten:
Entweder, mein Zustand bessert sich so weit, dass ich damit leben kann
– oder ich lerne, meine Situation so anzunehmen, wie sie ist.
Beides ist noch nicht eingetreten.

Samuel Koch

(in: SamuelKoch – ZweiLeben, Asslar 4/2012, S. 200)


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Konzertlesung: Samuel Koch und Vater. – Foto: Pfr. Rainer Labie, Kirchenkreis Vlotho


Erfrischend ehrlich.
Nachdem Samuel Koch und Familie rund 120 km im Stau gesteckt hatten … mit za. 6 statt – wie „Frau Google“ sagte, etwa dreieinhalb Stunden Autofahrt (Zahlen Pi mal Daumen aus der Erinnerung), zeigten sich Vater, Sohn und der größte Teil der Familie schon etwa eine Viertelstunde nach Programmbeginn auf der Bühne. Trotzdem herrlich ruhig – und – vor allem Samuel Koch – immer zu Scherzen und Anekdoten aufgelegt. Irgendwo in Ostwestfalen. In der Auferstehungskirche. Organisiert von KUKKirche und Kultur.

Vor Beginn war ich noch abwartend skeptisch – vor allem wegen Meinungen von Freunden und Bekannten: Darf der das? Stellt der sich nicht unnötig zur Schau? Es gibt viele Menschen, die haben eine Behinderung, sitzen im Rollstuhl. Das betrifft doch nicht nur Samuel Koch! Was ist denn mit den anderen allen, denen es rollstuhlmäßig ähnlich schlecht geht?

Soll er doch machen ;-)

Es dauerte nicht lange, da war diese Skepsis verflogen. Koch und Vater begeisterten mit ihrer ruhigen Art und vor allem mit den humorvoll-scherzhaft vorgetragenen Auszügen aus seinem Buch „SamuelKoch – ZweiLeben“. Koch selbst ist der Meinung, dass dieser Titel langweilig sei. Als Sportler durch und durch hätte er einen provozierenden Titel besser gefunden. Zum Beispiel: „Wer liest, lebt nicht.“ – Aber davon war dann der Verlag nicht so begeistert … ;-)

Koch schilderte verschmitzt, wie er sich auf einer Krankenstation so eine Art Pustrohr (Genaueres ist bestimmt im Buch zu finden), mit dem er die Krankenschwestern benachrichtigen konnte, erst versehentlich entfernte. Wegen seines Armes, dessen Bewegungen sich nicht so ganz genau koordinieren ließen. Anschließen rammte er sich eben diese Röhrchen genauso versehentlich in die Nase … nicht gerade angenehm. Nur, dass Koch jetzt nicht mehr das Rohr hatte, um um Hilfe zu rufen. Immerhin war seine natürlich Stimme so laut, dass die Krankenschwester schon nach einer halben Stunde hereinkam …

Darf man über Krankheiten und Behinderungen Scherze machen? Offensichtlich. Zumindest, wenn man selbst von solch einer Situation betroffen ist. Und der Humor scheint beiden Seiten zu helfen – Koch und den Zuschauhörern – das Unerträgliche zu ertragen.

Stellt Samuel Koch sich mit den Schilderungen seines Erlebens in den Vordergrund? Meinetwegen, wenn dem so wäre, soll er doch! Es gibt genügend gesunde Menschen, die das tun, und denen man das nicht ankreidet. Aber ich glaube nicht einmal, das Koch sich mit seinem Unglück in den Vordergrund drängelt. In seinem Buch und auf der Bühne berichtet der Sportler – inzwischen eher Reha-Anwendungs-Sportler – von ganz vielen Menschen, denen es ähnlich schlimm ergeht wie ihm. Oder von einem jungen Mädchen, dass inzwischen an einem Tumor gestorben ist. Ich glaub, er stellt sicht nicht in den Vordergrund – oder das wäre mir zumindest egal. Vielleicht ist er eher ein Sprachrohr – für ganz viele Menschen, die ähnlich Schreckliches erlebt haben.
Nicht zuletzt sind Kochs humorvolle Berichte auch was für Angestellte in Pflegeberufen: Wann schildert ein „Patient“ schon mal mit einem Augenzwinkern und so detaillert, was der Alltag in Medizin und Pflege aus seiner Sicht bedeuten kann …

Erfrischend ehrlich :-)

Richtig kuhl sind die erfrischend ehrlichen Aussagen von Samuel Koch! Natürlich ist er Optimist, sieht das Leben positiv und hat Gott vertrauen.

Aber er bleibt ehrlich. In vielen Passagen seiner Lesung und seines Buches scheint durch, wie Gottvertrauen genau aussehen kann. Etwa so …

Gemessen an der Unendlichkeit […] sind die vielleicht 50 Jahre, die ich hier auf der Erde noch vor mir habe, nur ein Wimpernschlag. Natürlich hoffe ich, dass ich sie nicht im jetzigen Zustand „absitzen“ muss. Das wäre so brutal anders als alles, was ich mir unter meinem Leben vorgestellt hatte.
Aus meiner heutigen Sicht gibt es zwei Möglichkeiten:
Entweder, mein Zustand bessert sich so weit, dass ich damit leben kann
– oder ich lerne, meine Situation so anzunehmen, wie sie ist.

Beides ist noch nicht eingetreten.

Samuel Koch

(in: SamuelKoch – ZweiLeben, Asslar 4/2012, S. 200)

Echt verblüffend! Obwohl Samuel Koch auch von Gottvertrauen spricht und Witz (Verstand), Humor und Optimismus versprüht, sagt er trotzdem von sich selber, dass er seine Situation noch nicht anehmen kann.

Das finde ich erfrischend ehrlich!
Es ist etwas völlig anderes als das, was einem oft von vielen Christen entgegenschlägt:

Vertrau doch Gott – dann ist alles in Ordnung. Gibt deine Situation an Gott ab – dann bist du zufrieden und glücklich. Reiß dich zusammen – wer richtig an Gott glaubt, kennt keinen Schmerz. Wenn du wirklich in der Bibel lesen würdest und wenn du mit Gott reden würdest, dann wären auch all deine Fragen geklärt.
Und was ist – wenn einer in der Bibel forscht und mit Gott redet – und es tauchen nur noch mehr Fragen auf, nichts ist geklärt? Das kann nach der Meinung vieler Christen gar nicht sein. Dann stimmt irgendetwas mit dem Glaubensleben nicht.

Ich wünsche mir mehr – begründeten (!!) Optimismus und Lebensfreude – gerne auch für den Verfasser dieses Bloggartickels.

Ich wünsche mir aber auch, dass wir als Christen erfrischend ehrlich sind. Nicht immer nur schaupielern und alles mit christlichen Glaubenssätzen schönreden.  Kein Mensch kann alles verstehen. Wer in seinem ganzen Leben noch nie krank war, wird vielleicht Schwierigkeiten haben, das Empfinden z.B. von Menschen nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt nachzuvollziehen. Wie auch, wenn jede Schürfwunde bei einem selbst bisher immer nach kurzer Zeit fast automatisch zugeheilt war.

Wir sind als Christen gar nicht dazu verpflichtet, dass Leid und die Schmerzen von anderen mit christlichen Spruchweisheiten wegzuerklären. Das würde zwar unserem Bedürfnis nach unserem Glück entsprechen. Aber es könnte sein, dass wir dadurch die Menschen, die Leid und Schmerz erfahren, ohne es zu wollen noch tiefer in Leid und Schmerz stoßen.

Ich fände es gar nicht so verkehrt, wenn wir als Christen öfter mal beides sind: erfrischend-optimistisch – und ehrlich!
Erfrischend ehrlich!

Ich glaub, Samuel Koch könnte dafür ein gutes Beispiel aufzeigen: Wie man den Optimismus und die Hoffnung nicht verschweigt, aber auch das tatächliche Erleben – obwohl man „richtig“ glaubt (!!) – nicht unter den Teppich kehrt.

 

samuel-koch-training50vHVideo zum Buch von Samuel Koch:
Hier klicken:
Zum Schauband (Video)
Buch über Samuel Koch

(Das Video ist ein Werbevideo … also für meine Begriffe dann natürlich wieder etwas fromm gehalten und mit schöner Musik unterlegt. ;-) )


www.ideesamkeit.de

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