Auf den Tisch hauen

(Zitatbetrachtung)

… es macht mich doch nachdenklich, dass ich anscheinend nicht gehört werde, wenn ich nicht auf den Tisch haue und mich massiv durchsetze. Dabei ist das gar nicht meine Art. Aber vielleicht steckt eine Lernaufgabe für mich drin: Freundlich, aber unnachgiebig sagen, was ich will.

Samuel Koch

(in: SamuelKoch – ZweiLeben, Asslar 4/2012, S. 143)


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Samuel Koch und Vater auf einer Konzertlesung, organisiert von Kirche und Kultur (KuK!)
Foto: Pfr. Rainer Labie, Kirchenkreis Vlotho

Echt erstaunlich, was Samuel Koch in seinem Buch „Samuel Koch – zwei Leben“ so alles schreibt. Das entspricht überhaupt nicht dem frommen Klischee: Sei immer lieb und artig und nett, wenn du Christ bist.

Wer genauer hinkuckt, stellt auch ziemlich schnell fest, dass lieb und artig und nett sein in manchen Gemeindetypen zwar ein hoch gehaltener Grundsatz ist, dass aber gar nicht alle diesen Grundsatz wirklich immer einhalten. Gerade die ein oder anderen Hauptamtlichen, Gemeindeältesten oder Tonangeber sagen manchmal ziemlich deutlich, was sie meinen. Gar nicht immer lieb und artig und nett. Manche lieben es auch, andere herumzudirigieren. Das macht sicher Spaß, solange man selber derjenige ist, der dirigiert und alle Gemeindeaufgaben einteilt. Nur für die, die dann die Lieben und Netten zu sein haben, sieht das mit dem Spaß manchmal wieder anders aus.

Grundsätzlich ist ein guter Umgangston unter Christen natürlich echt wünschenswert. Es macht das Leben, das Miteinander und die Zusammenarbeit leichter. Viel zu oft studieren wir – ich und auch ein paar andere – die Biebel und beherzigen trotzdem die Stelle aus Galatter nicht:

Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch [Sinnbild für ein Verhalten, dass rücksichtslos gegenüber Gott und Mitmenschen ist, Anmerk. Ideesamkeit.de] Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz [Gottes Forderungen an uns Menschen, Anmerk Idees.] ist in einem Wort erfüllt, in dem (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

Die Biebel. Galatter 5, 13 – 15
www.die-bibel.de/bibelstelle/Galater%205,13-15/LU/

Sehr eindrücklich, das Ende. Und genau das kommt sogar bei uns Christen hin und wieder vor. Zu oft.

Auf den Tisch hauen

So, wie es in den Versen ausm Galatterbrief beschrieben ist, sollte es also nach Möglichkeit nicht sein. Aber was Samuel Koch meint, ist glaubich was anderes:

Manche Menschen sagen von Natur aus klar und deutlich, was sie meinen. Oft mit einem Selbstbewusstsein, dem kaum einer widersprechen kann. Außer vielleicht den Leuten, die genauso klar benennen, was sie wollen, und was nicht.

Daneben gibt es aber noch eine große Anzahl von Menschen, die eben das sind: lieb und artig und nett. Das ist oft ganz gut – aber an vielen Stellen kommt man mit Lieb- und Artigsein einfach nicht weiter. Nein, auch in frommen Glaubenskreisen nicht. Wer zu lieb ist, wird leicht überhört.

Es ist erstaunlich: Manchmal wird man, wie Samuel Koch auch feststellt, nur ernstgenommen, wenn man mal auf den Tisch haut. Wenn überhaupt. Sogar, Koch erwähnt das ja, wenn solch ein Auftreten ursprünglich gar nicht die eigene Art ist. Aber wer einmal geschnallt hat, dass man mit Nettigkeit und Schüchterheit entgegen mancher christlichen Glaubenssätze nicht allzuweit kommt … Ich glaub, es könte sogar auch Spaß machen, hier und da mal Klartext zu reden ;-).

Für die Umwelt ist das natürlich erst einmal erschreckend. Von denen, die sich schon immer deutlich oder rigoros durchgesetzt haben, ist man es ja gewohnt, dass sie den Ton angeben. Bei diesen Menschen wird forsches Auftreten ohne Weiteres als gegeben und damit als christlich angemessen akzeptiert.
Aber wenn Menschen, die immer lieb und artig und nett waren, auf einmal den Mund aufmachen und sagen, was Sache ist, scheint es für die Umgebung gar nicht so leicht, damit klarzukommen. Denn dann fallen die Lieben und Netten plötzlich aus ihrer Rolle. Und die Hälfte der Zuhörer fragt sich, was denn nu auf einmal los ist.
Und nicht nur das. Wenn sich ein Mensch neu positioniert und sein Verhalten verändert – dann müssen andere Menschen in dessen Umgebung nicht nur erst einmal das neue Rollenverständnis des Einzelnen, bisher immer Lieben, Schüchternen akzeptieren lernen … nein, obendrein müssen einige Leute drumrum dann auch noch sich selbst neu sortieren und ihr Verhalten und ihre Rollen verändern.Und das gibt Wirbel! ;-)

Es ist wie in der Füsik: Einen geradeaus fahrenden oder fliegenden Körper bringt man nicht so leicht dazu, auf einmal anzuhalten oder plötzlich um die Kurwe zu fliegen. Sie kennen das, wenn Sie mit dem Auto schon mal zu schnell in die Kurwe gefahren sind oder am Ende einer Autoschlange ordentlich in die Eisen treten mussten. Flugrichtig ist Flugrichtung. Und Bremsweg ist Bremsweg. Das lässt sich nicht so schnell ändern.

Bei sozialen Süstemen – auch in Gemeindekreisen – ist das genauso. Wir sind Wesen, die oftmals gerne ihrem Zustand beharren. (Selbst der Abenteurer bleibt ein Abenteuerer.) Und sich plötzlich zu ändern, womöglich noch mitsamt einer ganzen Gruppe von Menschen – nur, weil ein Einzelner auf einmal aus seiner bisher festgelegten Rolle fällt – lieb, artig, schüchtern, nett – das ist eine Kröte, die gar nicht so leicht zu schlucken, geschweige denn zu verdauen ist.

Und daher scheint es für viele Menschen merkwürdig und entsetzlich zu sein, schon wenn ein Einziger von „lieb und nett“ auf „ich sag, was ich denk, und hau auch mal auf den Tisch, wenn’s nötig ist“ umschaltet. Das irritiert. Und bevor sich das ganze Süstem und mit ihm viele Menschen ändern müssen, versucht man meist, denjenigen, der da plötzlich aus seiner bisherigen Rolle fällt, wieder in die scheinbar vorgegebene Rolle zurückzubeordern. Oder man versucht, ihn auszusortieren. Das ginge auch. Hauptsache, das bisherige Süstem hat seine Ruhe und es braucht sich nichts und niemand zu ändern. War schon immer so.

Ich glaube das ist das, was dabei rauskommt, wenn man  – wie Samuel Koch schreibt – umschwenkt von „nicht gehört werden“ auf „auf den Tisch hauen“.

Natürlich gibt es auch die andere Seite, die Koch ebenfalls andeutet:

Dabei ist das gar nicht meine Art. Aber vielleicht steckt eine Lernaufgabe für mich drin: Freundlich, aber unnachgiebig sagen, was ich will.

Wer von Natur aus seit vielen Jahren eher ruhig, zurückhaltend, lieb und nett ist und sich bisher selten zu Wort gemeldet oder durchgesetzt hat, der hat – logischerweise – auch wenig Übung in punkto Durchsetzungsvermögen. Da kann es natürlich vorkommen, dass man an der einen oder anderen Stelle auch etwas ungeschickt zu doll auf den Putz haut. Einfach, weil man die vielen Abstufungen und Feinheiten auf dem Weg, sich durchzusetzen, bisher noch nicht so ausprobiert oder eingeübt hat. Oder weil sich nicht immer klar erkennen lässt, wer in der Umgebung jetzt etwas mitbekommt, wenn man leise redet – und lieb, und artig und nett – und bei wem man ordentlich auf den Tisch hauen muss, damit das Gegenüber überhaupt registriert, das jemand mit ihm redet.
Haut man bei den Feinfühligen oder auch bei denen, die ganz gut hören können, auf die Pauke, ist das nicht so gut …
… Flüstert man aber den Schwerhören zu leise ins Ohr, werden sie einfach die Achseln zucken und weitermachen …

Den richtigen Ton für die richtigen Zuhörer zu treffen, ist eine nicht für alle ganz einfache Kunst. Das gilt besonders, wenn man wie Samuel Koch vom Ursprung her eigentlich lieber leise redet und darauf hofft, dass die Umgebung die leise Stimme dann schon hören wird.

 

PS

An dieser Stelle möchte ich übrigens all jenen ganz herzlich danken, die gute Ohren haben – im übertragenen Sinne, versteht sich. Während es Menschen gibt, die selbst den lautesten Paukenschlag kaum hören, gibt es doch auch sehr, sehr viele, die selbst bei leiser Stimme zuhören, die einem an vielen Stellen entgegenkommen, die sich verändern oder sich bewegen lassen (oft macht schon ein Bisschen was aus – ohne dass gleich das komplette Süstem ausgetauscht werden müsste) und das ganz, ohne das man auf den Putz hauen müsste. Das ist oft das Angenehmste. Denn dann können sich alle zusammen auf die Arbeit und eigentlichen Anliegen konzentrieren, egal ob in Beruf oder in freien, halbfreien, nichtkirchlichen oder kirchlichen Gemeindekreisen.

An alle, die auch auf leise Stimmen reagiert haben: ein herzliches Dankeschön!

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www.ideesamkeit.de

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